Düsseldorf. Ein Online-Test sorgt aktuell für Unruhe in der Stadtverwaltung Düsseldorf. Beamtinnen sehen sich um Aufstiegschancen gebracht. Worum es genau geht.
Von Johannes Below
Es gibt Ärger in der Stadtverwaltung. Der NRZ gegenüber kritisieren zwei Beamtinnen „skandalöse Zustände“ und fordern den sofortigen Stopp eines internen Bewerbungsverfahrens. Das Problem: ein Kompetenztest.
Ärger im Amt in Düsseldorf: Warum Beamtinnen einen Kompetenztest als „ungerecht“ empfinden
Dieser Kompetenztest ist Teil des Qualifizierungsaufstiegs. Das ist die Möglichkeit, für Beamte des mittleren in den gehobenen Dienst einzusteigen. Dazu wird ein Lehrgang an einem Studieninstitut absolviert. Plätze sind limitiert, weswegen ein Bewerbungsverfahren notwendig ist. Der Qualifizierungsaufstieg ermöglicht, Leitungsaufgaben zu übernehmen und dementsprechend bezahlt zu werden.
Berichtende Beamtinnen möchten anonym bleiben, sie fürchten „Konsequenzen“
Nun haben sich allerdings zwei Beamtinnen an unsere Redaktion gerichtet, die den Test als „skandalös“ bezeichnen. Aus Angst vor Konsequenzen möchten sie anonym bleiben. Sie sind selbst Teilnehmerinnen des Verfahrens und haben fraglichen Test nach eigener Aussage bereits bestanden.
Sie sagen, der Test verlaufe komplett unkontrolliert. Der Login ist von überall möglich. Betrug ist nicht auszuschließen und de facto gang und gäbe. Das andere Problem: Der Test ist ein „Nadelöhr“. Das heißt, wer ihn vergeigt, hat keine Chance, sich vorzustellen, denn Vorstellungsgespräche stehen nur den Beamten zu, die im Test gute Ergebnisse erzielt haben.
Beamtinnen: „Wer nicht auf ChatGPT setzt, hat strategischen Nachteil“
Das hat die Stadt Düsseldorf auch so in einer entsprechenden Broschüre festgehalten. Der Kompetenztest diene der Vorauswahl. Und: „Bei Zulassung zum weiteren Auswahlverfahren fließt das Ergebnis zu 20 Prozent ins Gesamtergebnis ein.“
Die Beamtinnen hingegen erklären: „Die 20 Prozent können wir nachvollziehen. Problematisch bleibt, dass sie nur dann greifen, wenn man weiterkommt.“ Im Umkehrschluss: Wer im Kompetenztest schummelt, hat eine höhere Chance, dass sein Resultat überhaupt angerechnet wird. Wer ehrlich ist, hat einen strategischen Nachteil.
Stadt Düsseldorf: „Betrugsversuche im Test bieten keine Vorteile“
Die Stadt Düsseldorf widerspricht: Bei dem Test sei Schummeln gar nicht möglich: „Inhaltlich ist der Test so ausgelegt, dass etwaige Betrugsversuche keine Vorteile bieten.“ Der Test sei „ein wissenschaftlich fundiertes eignungsdiagnostisches Verfahren, das bei der Landeshauptstadt Düsseldorf in zahlreichen Bereichen der Aus- und Weiterbildung eingesetzt“ werde. Außerdem werde der Test automatisiert bewertet.
Allerdings tun sich Zweifel an der Behauptung auf, Betrugsversuche böten keine Vorteile. Die Beamtinnen berichten: „Wir kriegen ja raus, wer noch zum Vorstellungsgespräch eingeladen wurde – und bei einigen wissen wir: Die haben total gepfuscht.“
Außerdem beinhaltet der Test dem Vernehmen nach durchaus Aufgaben, bei denen Gruppenarbeiten oder KI einen Vorteil bieten können. Der NRZ wurden Aufgaben geschildert, die die Konzentrationsfähigkeit testen sollen. Teilt man die Aufgaben unter zwei oder drei Teilnehmern auf, steigt im geschilderten Setting die Wahrscheinlichkeit hoher Punkte. Keinen Vorteil durch Gruppenarbeit? Na ja.
Eine andere Aufgabe sollte das Kurzzeitgedächtnis testen. Hier halfen Handy und KI weiter. Dass der (unerlaubte) Einsatz von KI bei Online-Tests mittlerweile völlig normal ist, hatten erst kürzlich die Kollegen vom Spiegel berichtet. Auch die Stadt Düsseldorf scheint da keine Ausnahme darzustellen.
Kompetenztest der Stadt Düsseldorf ein Verstoß gegen die Bestenauslese?
Die protestierenden Beamtinnen sagen, die massiven Manipulationsmöglichkeiten seien nicht nur ungerecht gegenüber denen, die ehrlich bleiben, vor allem sehe man darin einen Verstoß gegen das Prinzip der Bestenauslese.
Es widerspricht den Grundprinzipien des öffentlichen Dienstes und der häufig zitierten Bestenauslese.
Robert Hotstegs, Anwalt
Laut Gesetz müssen Auswahlverfahren objektiv, transparent und unter gleichen Bedingungen stattfinden. Bei einem orts- und zeitunabhängigen Online-Test könnte dort schon ein Problem liegen. Vor allem, weil es sich bei dem Test nicht um eine bloße Vorauswahl handelt. Der Kompetenztest spielt eine Doppelrolle: Er ist einerseits Instrument zur Vorauswahl, spielt aber andererseits eine nicht unerhebliche Rolle bei der Gesamtbenotung.
Beamtinnen: Stadt geht davon aus, dass Beamte des mittleren Dienstes sich nicht trauen, zu klagen
Genau das könnte ein rechtliches Problem sein. Die Beamtinnen glauben, dass die Stadt das weiß, aber darauf baue, dass „Mitarbeiter des mittleren Dienstes gegen solche Verfahrensfehler ohnehin nicht rechtlich vorgehen würden“.
Die Beamtinnen halten es für einen „Skandal, dass die Möglichkeit zum beruflichen Aufstieg auf Basis eines derart manipulierbaren Verfahrens entschieden wird“. Deswegen fordern sie die Stadtverwaltung auf, „dieses aktuell laufende Verfahren sofort zu stoppen und unter rechtssicheren Bedingungen neu zu starten.“
Anwalt Robert Hotstegs: Ein Online-Test als ausschlaggebendes Kriterium ist „systematisch falsch“
Die Kritik nachvollziehen kann der Düsseldorfer Anwalt Robert Hotstegs. Grundsätzlich sei der Qualifizierungsaufstieg gesetzlich geregelt. Es werden „dienstliche Beurteilungen als maßgebliches Entscheidungskriterium betont und hervorgehoben“. Dabei handelt es sich um Langzeitbeobachtungen potenzieller Kandidaten. Zulassungstests wie der Kompetenztest sollten hingegen nur „der Abrundung“ dienen.
Hotstegs meint: „Die Schilderung in Düsseldorf suggeriert, dass es eher anders gewichtet wird: Viele sind geeignet, Beurteilungen spielen erst einmal keine Rolle, dann ist ein online-gestützter Test ausschlaggebend.“ Das sei „systematisch falsch“ und widerspreche „den Grundprinzipien des öffentlichen Dienstes und der häufig zitierten Bestenauslese“.
Beamte sagen, dass Verfahren in Düsseldorf „spottet jeder rechtsstaatlichen Prüfung“
Dass der Test manipulierbar sein könnte, sei zwar auch kritisch, ohne konkreten Missbrauch aber „rechtlich vielleicht weniger bedeutend“. Die Frage bleibe allerdings, „warum nicht bereits eine Beschränkung etwa auf eine Intranet-Anmeldung herbeigeführt werden konnte oder warum die Stadt dies verweigert“. Denn tatsächlich kann jeder, der die entsprechenden Login-Daten hat, am Test teilnehmen. Ob das am Ende der tatsächliche Kandidat ist, lässt sich nicht nachprüfen.
