{"id":9491,"date":"2023-08-30T13:20:58","date_gmt":"2023-08-30T11:20:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.hotstegs-recht.de\/?p=9491"},"modified":"2023-08-30T13:21:00","modified_gmt":"2023-08-30T11:21:00","slug":"keine-dienstliche-beurteilung-ohne-gesetzliche-regelung-bundesverwaltungsgericht-beschluss-v-29-08-2023-az-1-wb-60-22","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hotstegs-recht.de\/?p=9491","title":{"rendered":"Keine Dienstliche Beurteilung ohne gesetzliche Regelung, Bundesverwaltungsgericht, Beschluss v. 29.08.2023, Az. 1 WB 60.22"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die dienstlichen Beurteilungen der Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr fehlt eine ausreichende gesetzliche Grundlage. Das hat der 1. Wehrdienstsenat des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig heute entschieden.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Anlass f\u00fcr diese Entscheidung war die dienstliche Beurteilung eines Offiziers vom Juli 2021. Sie erfolgte auf der Grundlage des neuen Beurteilungssystems der Bundeswehr und fiel im Gesamturteil mit &#8222;D+&#8220; aus. Dies bedeutet, dass der Soldat knapp unter dem Bereich der besten 30% lag. Der Offizier machte im gerichtlichen Verfahren geltend, dass er erst acht Monate vor dem Beurteilungsstichtag zu seiner neuen Dienststelle versetzt worden sei und dass sein fr\u00fcherer Vorgesetzter ihm wesentlich bessere Leistungen bescheinigt und eine Leistungspr\u00e4mie gew\u00e4hrt habe. Dieser Beurteilungsbeitrag sei ebenso unzureichend gew\u00fcrdigt worden wie sein Engagement als Ausbilder und Flieger in einer Nebenfunktion, f\u00fcr die es an einem Beurteilungsbeitrag fehle. Er sei ein Opfer der neu festgelegten Quote f\u00fcr kleine Vergleichsgruppen. Au\u00dferdem fehle den Beurteilungsrichtlinien des Bundesministeriums der Verteidigung eine ausreichende gesetzliche Grundlage.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der 1. Wehrdienstsenat hat dem Antrag des Offiziers stattgegeben und dabei ausgef\u00fchrt, dass das Soldatengesetz keine dem verfassungsrechtlichen Grundsatz des Gesetzesvorbehalts gen\u00fcgende Erm\u00e4chtigungsgrundlage f\u00fcr das Beurteilungswesen enth\u00e4lt. \u00d6ffentliche \u00c4mter werden gem\u00e4\u00df <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/GG\/33.html\" title=\"Art. 33 GG\">Art.&nbsp;33&nbsp;Abs.&nbsp;2 GG<\/a> nach Eignung, Leistung und Bef\u00e4higung vergeben. Dabei spielen die dienstlichen Beurteilungen der Soldatinnen und Soldaten eine zentrale Rolle. Nach der neueren beamtenrechtlichen Rechtsprechung m\u00fcssen die wesentlichen Grunds\u00e4tze f\u00fcr die Erstellung der Beurteilungen vom parlamentarischen Gesetzgeber bestimmt werden. Er darf dies nicht allein dem Handeln und der Entscheidungsmacht der Exekutive \u00fcberlassen (BVerwG, Urteile vom 17.&nbsp;September&nbsp;2020 &#8211; <a href=\"https:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=2%20C%202.20\" title=\"BVerwG, 17.09.2020 - 2 C 2.20: Folgen des Versto&szlig;es gegen die Vorgabe der Gleichgewichtung der ...\">2 C 2.20<\/a> &#8211; <a href=\"https:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=NVwZ-RR%202021,%20122\" title=\"NVwZ-RR 2021, 122 (2 zugeordnete Entscheidungen)\">NVwZ-RR 2021, 122<\/a> und vom 7.&nbsp;Juni&nbsp;2021 &#8211; <a href=\"https:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=2%20C%202.21\" title=\"BVerwG, 07.07.2021 - 2 C 2.21: Grundlegende Vorgaben f&uuml;r die Erstellung dienstlicher Beurteilun...\">2 C 2.21<\/a> &#8211; <a href=\"https:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=BVerwGE%20173,%2081\" title=\"BVerwG, 07.07.2021 - 2 C 2.21: Grundlegende Vorgaben f&uuml;r die Erstellung dienstlicher Beurteilun...\">BVerwGE 173, 81<\/a>). Im Soldatenrecht gilt nichts Anderes.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr eine \u00dcbergangszeit kann das bisherige System der dienstlichen Beurteilung auf der Grundlage der Soldatenlaufbahnverordnung (\u00a7\u00a7&nbsp;2, 3 SLV) und allgemeiner Verwaltungsvorschriften (Allgemeine Regelung A-1340\/50) weitergef\u00fchrt werden. Denn die fr\u00fchere Rechtsprechung hat das Fehlen einer gesetzlichen Regelung nicht beanstandet (vgl. BVerwG, Beschluss vom 26.&nbsp;Mai&nbsp;2009 &#8211; <a href=\"https:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=1%20WB%2048.07\" title=\"BVerwG, 26.05.2009 - 1 WB 48.07: &Ouml;ffentlichkeit der Verhandlung; Vorbehalt des Gesetzes; Wesent...\">1 WB 48.07<\/a> &#8211; <a href=\"https:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=BVerwGE%20134,%2059\" title=\"BVerwG, 26.05.2009 - 1 WB 48.07: &Ouml;ffentlichkeit der Verhandlung; Vorbehalt des Gesetzes; Wesent...\">BVerwGE 134, 59<\/a>). Au\u00dferdem werden die oben genannten Regelungen den Anforderungen des Leistungsgrundsatzes gerecht. Die gebotene Erg\u00e4nzung des Soldatengesetzes ist bereits durch eine Gesetzesinitiative der Bundesregierung auf den Weg gebracht worden (<a href=\"https:\/\/dejure.org\/Drucksachen\/Bundesrat\/BR-Drs.%20377\/23\" title=\"Bundesratsdrucksache zu: Gesetz zur Beschleunigung der Entfernung von verfassungsfeindlichen So...\">BR-Drs. 377\/23<\/a>), so dass ein Ende der \u00dcbergangszeit absehbar ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im vorliegenden Fall war die dienstliche Beurteilung des Offiziers deswegen rechtswidrig, weil ein Beurteilungsbeitrag f\u00fcr die fliegerische Nebenfunktion nicht eingeholt worden ist. Ferner ist im Beschwerde- und Rechtsmittelverfahren das Gesamturteil nicht hinreichend plausibilisiert worden. Der Zweitbeurteiler h\u00e4tte auf das substantiierte Vorbringen des Offiziers, er habe einen sehr guten Beurteilungsbeitrag und eine Leistungspr\u00e4mie erhalten, n\u00e4her erl\u00e4utern m\u00fcssen, warum der Soldat bei einer Gesamtbewertung gleichwohl nicht zur Spitzengruppe geh\u00f6rt. Die Vergleichsgruppenbildung hat der 1.&nbsp;Wehrdienstsenat nicht beanstandet. Er hat betont, dass bei kleinen Vergleichsgruppen unter 20 Mitgliedern keine strikte Bindung an Richtwerte gilt und dem Gebot der Einzelfallgerechtigkeit Rechnung zu tragen ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ferner hat der 1. Wehrdienstsenat seine Rechtsprechung dahingehend ge\u00e4ndert, dass die dienstliche Beurteilung im gerichtlichen Verfahren als einheitliche dienstliche Ma\u00dfnahme anzusehen ist. Eine isolierte gerichtliche \u00dcberpr\u00fcfung der Stellungnahme des Erstbeurteilers oder des Zweitbeurteilers findet nicht mehr statt, weil erst nach dem vom Zweitbeurteiler abgegebenen Gesamturteil eine vollst\u00e4ndige Beurteilung vorliegt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr die dienstlichen Beurteilungen der Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr fehlt eine ausreichende gesetzliche Grundlage. Das hat der 1. Wehrdienstsenat des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig heute entschieden. Anlass f\u00fcr diese Entscheidung war die dienstliche Beurteilung eines Offiziers vom Juli 2021. 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