{"id":779,"date":"2009-06-30T22:41:34","date_gmt":"2009-06-30T20:41:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.obst-hotstegs.de\/?p=779"},"modified":"2011-09-06T22:42:55","modified_gmt":"2011-09-06T20:42:55","slug":"zur-konkretisierungspflicht-im-disziplinarverfahren-urteil-verwaltungsgericht-munster-vom-29-05-2009-az-20-k-35108-o","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hotstegs-recht.de\/?p=779","title":{"rendered":"Zur Konkretisierungspflicht im Disziplinarverfahren: Urteil Verwaltungsgericht M\u00fcnster vom 29.05.2009, Az. 20 K 351\/08.O"},"content":{"rendered":"<p>In einem hier betreuten Mandat hat das Verwaltungsgericht M\u00fcnster in einem am 06.06.2009 zugestellten Urteil dem anwaltlichen Antrag auf Aufhebung einer Disziplinarverf\u00fcgung der Bezirksregierung M\u00fcnster stattgegeben.<\/p>\n<p>Die Entscheidung stellt im Wesentlichen darauf ab, dass die von der Bezirksregierung erlassene Disziplinarverf\u00fcgung nicht hinreichend den Vorwurf eines Disziplinarvergehens konkretisiere. Dies sei aber aus rechtsstaatlichen Gr\u00fcnden unerl\u00e4sslich, weil sich ein Beamter anders gegen den Vorwurf nicht hinreichend verteidigen k\u00f6nne.<\/p>\n<p>In der Verwaltungspraxis erleben wir als Anw\u00e4lte immer wieder, dass Einleitungsverf\u00fcgungen und auch Disziplinarverf\u00fcgungen sehr vage gehalten werden und eine genaue Benennung des Vorwurfes vermissen lassen. Die Disziplinarkammer hat dem jetzt einen Riegel vorgeschoben; \u00fcber den Einzelfall hinaus d\u00fcrfte die Entscheidung von allgemeinem Interesse sein.<!--more--><\/p>\n<p>Folgende Leits\u00e4tze ergeben sich aus der Entscheidung des Gerichts:<\/p>\n<p>1. Enth\u00e4lt ein Disziplinarbescheid keinen Sachverhalt, aus dem sich ein Dienstvergehen des Kl\u00e4gers ergibt, verletzt er den Beamten in seinen Rechten und ist aufzuheben. Dabei kann dahinstehen, ob und inwiefern der Kl\u00e4ger im Einzelnen ein Dienstvergehen begangen haben k\u00f6nnte. Denn zum Gegenstand der Urteilsfindung d\u00fcrften nur diejenigen Pflichtverletzungen gemacht werden, die in den Gr\u00fcnden der Disziplinarverf\u00fcgung dem Kl\u00e4ger vorgeworfen werden.<br \/>\n2. Eine Konkretisierung des Vorwurfs eines Disziplinarvergehens in der Disziplinarverf\u00fcgung ist aus rechtsstaatlichen Gr\u00fcnden unerl\u00e4sslich, weil sich ein Beamter anders gegen den Vorwurf nicht hinreichend verteidigen kann. Auch die Erziehungsfunktion einer Disziplinarverf\u00fcgung erfordert eine derartige Klarstellung. Daneben ist sie auch hinsichtlich der Rechtskraftwirkung, insbesondere im Hinblick auf das Verbot der Doppelverfolgung, erforderlich.<br \/>\n3. Der Sachverhalt des Disziplinarvorwurfs, insbesondere Tatzeit und -ort, m\u00fcssen konkret benannt werden und die Disziplinarverf\u00fcgung muss aus sich heraus verst\u00e4ndlich sein. Zur Auslegung d\u00fcrfen keine Akten, insbesondere nicht die Disziplinarakten herangezogen werden m\u00fcssen.<br \/>\n(VG M\u00fcnster, Urt. v. 29.05.2009 &#8211; <a href=\"https:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=20%20K%20351\/08\" title=\"VG M&uuml;nster, 29.05.2009 - 20 K 351\/08: Konkretisierungspflicht im Disziplinarverfahren\">20 K 351\/08<\/a>.O)<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das Verwaltungsgericht f\u00fchrt im Einzelnen aus:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die zul\u00e4ssige Klage ist begr\u00fcndet. Die Disziplinarverf\u00fcgung vom 9. Januar 2008 ist rechtswidrig und verletzt den Kl\u00e4ger in seinen Rechten (\u00a7 3 Landesdisziplinargesetz &#8211; <acronym title=\"Landesdisziplinargesetz\">LDG<\/acronym> -, <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/VwGO\/113.html\" title=\"&sect; 113 VwGO [Tenor, Fortsetzungsfeststellungsantrag]\">\u00a7 113 Abs. 1 Satz 1<\/a> Verwaltungsgerichtsordnung &#8211; <acronym title=\"Verwaltungsgerichtsordnung\">VwGO<\/acronym> -).<br \/>\nDer Disziplinarbescheid enth\u00e4lt keinen Sachverhalt, aus dem sich ein Dienstvergehen des Kl\u00e4gers ergibt. Dabei kann im vorliegenden Fall dahinstehen, ob und inwiefern der Kl\u00e4ger im Einzelnen ein Dienstvergehen begangen haben k\u00f6nnte. Denn zum Gegenstand der Urteilsfindung d\u00fcrften nur diejenigen Pflichtverletzungen gemacht werden, die in den Gr\u00fcnden der Disziplinarverf\u00fcgung dem Kl\u00e4ger vorgeworfen werden.<br \/>\nVgl. K\u00f6hler\/Ratz, Kommentar zum Bundesdisziplinargesetz 3. Auflage 2002 \u00a7 33 Anmerkung 13 und \u00a7 55 Anmerkung 7; Gansen, Kommentar zum Disziplinarrecht in Bund und L\u00e4ndern, \u00a7 33 Anmerkung 11; Weiss in Kommentar zur BDO \u00a7 30 Anmerkung 31 (zur ehemaligen Bundesdisziplinarordnung).<br \/>\nEine derartige Konkretisierung des Vorwurfs eines Disziplinarvergehens in der Disziplinarverf\u00fcgung ist aus rechtsstaatlichen Gr\u00fcnden unerl\u00e4sslich, weil sich ein Beamter anders gegen den Vorwurf nicht hinreichend verteidigen kann. Auch die Erziehungsfunktion einer Disziplinarverf\u00fcgung erfordert eine derartige Klarstellung. Daneben ist sie auch hinsichtlich der Rechtskraftwirkung, insbesondere im Hinblick auf das Verbot der Doppelverfolgung, erforderlich, und dar\u00fcber hinaus zur Bestimmung von Verj\u00e4hrungs- und Verfolgungsfristen.<br \/>\nVgl. Bundesverwaltungsgericht, Urteil vom. 6. Mai 2003 &#8211; <a href=\"https:\/\/dejure.org\/dienste\/vernetzung\/rechtsprechung?Text=2%20WD%2029\/02\" title=\"BVerwG, 06.05.2003 - 2 WD 29.02: Gehorsamspflicht; Anschuldigungsschrift; Konkretisierung der A...\">2 WD 29\/02<\/a> -; vergleichbar zur Disziplinarklage: K\u00f6hler\/Ratz, a. a. 0. \u00a7 55 Anmerkung 7.<br \/>\nDaraus folgt, dass der Sachverhalt des Disziplinarvorwurfs, insbesondere Tatzeit und -ort konkret benannt werden m\u00fcssen und die Disziplinarverf\u00fcgung aus sich heraus verst\u00e4ndlich sein muss. Zur Auslegung d\u00fcrfen keine Akten, insbesondere nicht die Disziplinarakten herangezogen werden m\u00fcssen.<br \/>\nVgl. Weiss, a. a. 0.<br \/>\nAn einer derartigen Konkretisierung fehlt es hier, bzw. die wenigen ausreichend konkret erhobenen Vorw\u00fcrfe stellen ein Disziplinarvergehen nicht dar&#8230;&#8220;<\/p><\/blockquote>\n<p>Soweit ging es dem Gericht um verfahrensrechtliche Fragen. Ferner ging es in der Entscheidung um Fragen des Nebent\u00e4tigkeitsrechtes. Hierzu f\u00fchrte das Gericht u.a. aus:<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<blockquote><p><em> &#8222;<\/em>Das F\u00fchren der zwei bis drei Telefonate und das Ausf\u00fcllen eines Anmeldeformulars verl\u00e4sst wiederum nicht den Rahmen zul\u00e4ssiger famili\u00e4rer Unterst\u00fctzung bzw. \u00fcberschreitet noch nicht den Bereich disziplinarer Relevanz&#8220;.<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Entscheidung ist in K\u00fcrze zur Ver\u00f6ffentlichung und Besprechung in den Nordrhein-Westf\u00e4lischen Verwaltungsbl\u00e4ttern (NWVBl.) vorgesehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In einem hier betreuten Mandat hat das Verwaltungsgericht M\u00fcnster in einem am 06.06.2009 zugestellten Urteil dem anwaltlichen Antrag auf Aufhebung einer Disziplinarverf\u00fcgung der Bezirksregierung M\u00fcnster stattgegeben. 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Dies sei aber aus rechtsstaatlichen Gr\u00fcnden unerl\u00e4sslich, weil &hellip; <\/p>\n<p class=\"link-more\"><a href=\"https:\/\/www.hotstegs-recht.de\/?p=779\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">\u201eZur Konkretisierungspflicht im Disziplinarverfahren: Urteil Verwaltungsgericht M\u00fcnster vom 29.05.2009, Az. 20 K 351\/08.O\u201c <\/span>weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4,15],"tags":[],"class_list":["post-779","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-aktuelles","category-disziplinarrecht"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.4 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Zur Konkretisierungspflicht im Disziplinarverfahren: Urteil Verwaltungsgericht M\u00fcnster vom 29.05.2009, Az. 20 K 351\/08.O - Hotstegs Rechtsanwaltsgesellschaft | Rechtsanw\u00e4lt:innen und Fachanw\u00e4lt:innen f\u00fcr Verwaltungsrecht<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"- Termine unter Tel. 0211 \/ 497657-16\" \/>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.hotstegs-recht.de\/?p=779\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Zur Konkretisierungspflicht im Disziplinarverfahren: Urteil Verwaltungsgericht M\u00fcnster vom 29.05.2009, Az. 20 K 351\/08.O - 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