{"id":2076,"date":"2013-08-19T08:31:52","date_gmt":"2013-08-19T06:31:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.hotstegs-recht.de\/?p=2076"},"modified":"2014-03-09T22:00:49","modified_gmt":"2014-03-09T21:00:49","slug":"herr-anwalt-ich-wollte-gar-nicht-freigesprochen-werden-spiegel-online-v-15-08-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.hotstegs-recht.de\/?p=2076","title":{"rendered":"Herr Anwalt, ich wollte gar nicht freigesprochen werden, Spiegel online v. 15.08.2013"},"content":{"rendered":"<p>Von Christian Lauenstein<\/p>\n<p><strong>Redet ein Anwalt, versteht der Laie nur StGB und BGB. Selbst kommt er kaum zu Wort, was den Advokaten nicht weiter schert. Eine Doktorandin belegt verheerende Folgen f\u00fcr Kanzleien: Wegen solcher Gespr\u00e4chspannen nehmen viele Mandanten Rei\u00dfaus.<\/strong><\/p>\n<p>Wenn Sie selbst Jurist sind, kennen Sie den wahrscheinlich schon:<\/p>\n<p>Sagt der Angeklagte zum Rechtsanwalt: &#8222;Wenn ich mit einem halben Jahr davonkomme, bin ich zufrieden.&#8220; Nach dem Prozess meint der Anwalt: &#8222;Das war ein hartes St\u00fcck Arbeit, die wollten Sie doch glatt freisprechen.&#8220;<\/p>\n<p>W\u00e4re das doch nur ein Scherz! In Tausenden deutschen Kanzleien reden t\u00e4glich Anw\u00e4lte mit ihren Mandanten, ohne dass der eine den anderen versteht. Gespr\u00e4che drehen sich im Kreis und enden ohne Ergebnis.<!--more--><\/p>\n<p>Der Schriftsteller Georg M. Oswald, gelernter Jurist, schw\u00e4rmte k\u00fcrzlich im KarriereSPIEGEL-Interview von der poetischen Sch\u00f6nheit der Fachsprache. Sie sei &#8222;sehr, sehr kunstf\u00e4hig, gedanklich sehr pr\u00e4zise. &#8222;Wie ein philosophischer Aufsatz&#8220;, sagte er, &#8222;man kann das als Anwalt genie\u00dfen.&#8220; Die Anwaltskundschaft genie\u00dft das eher nicht. Oswald wei\u00df auch: &#8222;Es ist nat\u00fcrlich unsere Aufgabe, den Mandanten zu erkl\u00e4ren, worum es geht.&#8220;<\/p>\n<p>Sprache ist das Handwerkszeug der Juristen, ihre Waffe, ihr Broterwerb. Anw\u00e4lte m\u00f6gen Sprache, sie besch\u00e4ftigen sich den ganzen Tag damit. Sie beraten, streiten, verhandeln. Sie veranstalten eigene Redewettbewerbe und eifern um das beste Pl\u00e4doyer im Gerichtssaal. Nur um das Gespr\u00e4ch mit dem Mandanten haben sie sich bislang kaum geschert.<\/p>\n<p>Die K\u00f6lner Sprachwissenschaftlerin Ina Pick, 29, hat ihre Doktorarbeit \u00fcber die Kommunikation in der anwaltlichen Erstberatung geschrieben. Die Ergebnisse sind ern\u00fcchternd: Anw\u00e4lte begehen in der Gespr\u00e4chsf\u00fchrung oft derart gravierende Fehler, dass sich so mancher Mandant am Ende nicht mehr blicken l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Pick stie\u00df auf das Thema, weil die Juristen eigentlich Besserung gelobt hatten. Seit 2003 sehen die Studienordnungen der Jurafakult\u00e4ten den Erwerb von Schl\u00fcsselqualifikationen vor, etwa Rhetorik oder Gespr\u00e4chsf\u00fchrung. Wer jedoch wei\u00df, wie wichtig den Juristen die Noten ihrer Examina sind, der kann sich vorstellen, was der Satz &#8222;Das ist nicht klausurrelevant&#8220; f\u00fcr solche Veranstaltungen bedeutet.<\/p>\n<p>Pick startete einen Aufruf in Fachzeitschriften und fand so Anw\u00e4lte, die sie bei ihrer Forschung unterst\u00fctzen: Junge und alte, Einzelk\u00e4mpfer und Gro\u00dfkanzleien, Strafverteidiger und Spezialisten f\u00fcr Insolvenzrecht. Dann zeichnete sie deren Mandantengespr\u00e4che auf, um sie zu analysieren. Drei Probleme tauchten immer wieder auf:<\/p>\n<p><strong>1. Mandanten verstehen nicht, was Anw\u00e4lte sagen<\/strong><\/p>\n<p>Zwar verzichten Juristen auf Fremdworte, ihre Sprache kommt harmlos deutsch daher. Wer jedoch schon mal als Laie versucht hat, auf Anhieb einen &#8222;Wolf-im-Schafspelz&#8220;-Paragraphen wie <a href=\"https:\/\/dejure.org\/gesetze\/BGB\/164.html\" title=\"&sect; 164 BGB: Wirkung der Erkl&auml;rung des Vertreters\">\u00a7 164 Absatz 2 BGB<\/a> zu verstehen, d\u00fcrfte sich voller Kopfweh abgewendet haben. Vor diesem Problem stehen auch die Anw\u00e4lte. Zum Beispiel, wenn der Mandant nicht auf Anhieb begreift, was Juristen unter Fachbegriffen wie Totschlag, Schaden, Besitz oder einer Darlegungslast verstehen (Beispiel 1).<\/p>\n<p><strong>2. Anw\u00e4lte verstehen nicht, was die Mandanten wollen<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Die Verwendung unbekannter Begriffe ist nicht das Hauptproblem&#8220;, sagt Pick. &#8222;Das ist zwar f\u00fcr beide Seiten unbefriedigend, hat aber selten negative Folgen.&#8220; Viel gravierender sei es, dass Anw\u00e4lte mit ihren Mandanten die Ziele oft nicht vern\u00fcnftig kl\u00e4ren oder gar nicht verstehen, was der Mandant eigentlich will (Beispiel 2).<\/p>\n<p>So hatte ein Anwalt einen Lkw-Fahrer vor dem F\u00fchrerscheinentzug bewahrt und stattdessen eine Geldstrafe herausgeschlagen. Der Kommentar des Mandanten: &#8222;Die Geldstrafe ist eigentlich viel schlimmer f\u00fcr mich.&#8220;<\/p>\n<p>Hier h\u00e4tte der Anwalt das Gespr\u00e4ch besser organisieren und die Ziele des Mandanten hinterfragen m\u00fcssen. &#8222;Ein typisches Problem: Der Anwalt wirft einen Blick in seine Akte, f\u00fcr ihn ist die Sache klar. Vielleicht hat der Mandant aber ganz andere Vorstellungen&#8220;, so Pick. Dazu geh\u00f6re auch, dass der Anwalt die Anliegen des Mandanten ernst nimmt und ihn in das Gespr\u00e4ch einbindet (Beispiel 3).<\/p>\n<p>Aber warum sagt der Mandant nicht einfach, was er will? Pick: &#8222;Ein Laie ist beim Besuch des Anwalts aufgeregt und auch fachlich in einer schw\u00e4cheren Position, er wei\u00df nicht, was rechtlich m\u00f6glich ist. Deshalb \u00fcberl\u00e4sst er es dem Anwalt, sein eigentliches Anliegen zu formulieren.&#8220; Was h\u00e4ufig schiefgeht. &#8222;Ich fand in meinen Aufzeichnungen auff\u00e4llig, dass in vielen einst\u00fcndigen Beratungsgespr\u00e4chen der Mandant lediglich knapp sieben Minuten f\u00fcr die Sachverhaltsdarstellung zur Verf\u00fcgung hatte&#8220;, sagt Pick (Beispiel 4).<\/p>\n<p><strong>3. Gespr\u00e4che drehen sich im Kreis<\/strong><\/p>\n<p>Die Schleifenbildung ist oft die frustrierende Folge: Je weniger man sich versteht, desto h\u00e4ufiger wiederholen sich die Inhalte. Vor allem dann, wenn der Anwalt nicht erkl\u00e4rt, wo er mit seinen Fragen hin will (Beispiel 5). Oder wenn die Beteiligten einen Sachverhalt unterschiedlich bewerten.<\/p>\n<p>Ein Fall: Anwalt und Mandant sind sich einig, keinen Prozess gegen einen l\u00e4rmenden Nachbarn f\u00fchren zu wollen. Der Anwalt sieht keine Erfolgschancen, der Mandant will keinen Streit. \u00dcber diese Motive reden sie nicht.<\/p>\n<p>Wenn sich die Meinung des Mandanten dann pl\u00f6tzlich \u00e4ndert, etwa weil der Nachbar neuerdings immer sonntags den Rasen m\u00e4ht, dann haben Anwalt und Mandant ein Problem. Weil der Mandant nicht versteht, warum der Anwalt keinen Prozess f\u00fchren will, obwohl er ihn doch daf\u00fcr bezahlt.<\/p>\n<p>Robert Hotstegs kennt solche Sorgen. Der D\u00fcsseldorfer Rechtsanwalt hat mit viel Engagement an Picks Studie teilgenommen, in seiner Kanzlei 40 Mandantengespr\u00e4che aufzeichnen lassen und schon Lehren gezogen. Sein neues Credo: &#8222;Den Mandanten ausreden lassen! Egal, ob er zwei oder zwanzig Minuten braucht.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Simpler Rat: Ausreden lassen ist ein guter Anfang<\/strong><\/p>\n<p>Hotstegs r\u00e4umt ein: &#8222;Das f\u00e4llt mir nicht immer leicht. Ich neige wie viele Kollegen dazu, selbst viel zu reden.&#8220; Aber das Ausredenlassen lohne sich, die Mandanten seien zufriedener, f\u00fchlten sich ernster genommen.<\/p>\n<p>Pick best\u00e4tigt das. Auf Band hat sie einen Fall, in dem ein \u00e4lterer Anwalt einen Mandanten mit gl\u00e4nzenden Aussichten betreute. Doch nach dem ersten Gespr\u00e4ch meldete sich der Mandant nie wieder &#8211; weil er beim Anwalt kaum zu Wort gekommen war.<\/p>\n<p>So kann es nicht weitergehen, findet Hotstegs. Anw\u00e4lte m\u00fcssten dringend an ihrer Kommunikation mit Mandanten arbeiten: &#8222;Juristen k\u00f6nnen mit zwei Spitzenexamina in den Beruf starten, ohne jemals auch nur eine Minute mit einem Mandanten gesprochen zu haben. Das m\u00fcssen wir \u00e4ndern.&#8220; Andere Berufsgruppen seien da deutlich weiter, etwa \u00c4rzte.<\/p>\n<p>Hotstegs sagt Pick und ihren Forschungsergebnissen goldene Zeiten voraus: Der Beratungsbedarf im Kreise der Anw\u00e4lte sei riesig. Da trifft es sich gut, dass Pick bereits neue Pl\u00e4ne hat. Als N\u00e4chstes will sie ein Buch schreiben. Einen Gespr\u00e4chsberater f\u00fcr Anw\u00e4lte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Christian Lauenstein Redet ein Anwalt, versteht der Laie nur StGB und BGB. Selbst kommt er kaum zu Wort, was den Advokaten nicht weiter schert. Eine Doktorandin belegt verheerende Folgen f\u00fcr Kanzleien: Wegen solcher Gespr\u00e4chspannen nehmen viele Mandanten Rei\u00dfaus. 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